Von Norden nach Osten (Stadt Land Fluss 2)

Als ich in die 12. Klasse kam, machten wir eine “Studienfahrt” nach Berlin und in die DDR. Die Studienfahrten wurden Leistungskurs-abhängig zugewiesen, und der LK Gemeinschaftskunde war geschlossen erbost, fuhren doch der Englisch-LK nach London und der Französisch-LK nach Paris. Was die Naturwissenschaftler gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Mein zweiter Leistungskurs war Englisch, aber aus irgendwelchen Gründen musste ich trotzdem in die damals noch vollkommen unglamouröse DDR fahren. Ich konnte mich noch an die Tampons erinnern, die meine Schwester als lustiges Anschauungsmaterial von einer Schwimmvereinsreise aus Polen mitgebracht hatte. Diese polnischen Tampons und die Tatsache, dass mein Vater auf jede seiner relativ häufigen DDR-Reisen Klopapier mitnahm, weil er sich mit dem DDR-Klopapier höchstens die Nägel feilen würde, ließen nichts Gutes hoffen. Zumindest nicht, was die Intimhygienebedingungen im Osten anging. So war das damals mit den Vorurteilen im Westen.

Trotz der bösen Vorahnungen war unsere Studienfahrt sehr viel lustiger, als die blöden Metropolenreisen der anderen. Ich kann mich an keinerlei Zellstoffprodukte erinnern, aber wir hatten einen netten Abend mit der ortsansässigen FDJ-Führung (hieß das Führung? Wahrscheinlich nicht. Es hieß ja auch Stadtbilderklärer und nicht -führer). Und ich hatte endlich den Ort gefunden, an dem ich mich nicht fehl am Platze fühlte: Berlin. In Berlin kann und konnte man schon damals kaum auffallen. Ich liebte diese Anonymität der Großstadt. Ich liebe sie noch heute. Sobald ich Abi gemacht und das obligatorische Jahr in den USA als ausgebeutetes Au Pair verbracht hatte – in meinem Falle in New Orleans, einer Stadt, zu der ich eine ausgeprägte Hassliebe entwickelte – zog ich nach Berlin. Und nach einigen Irrungen und Wirrungen zwischen Schlachtensee und Moabit dann nach Kreuzberg. Die erste Kreuzberger Wohnung, die ich besichtigte – zu schlimmsten Wohnungsnotzeiten – wurde unter der Bedingung angeboten, dass man sich selbst um die Entrümpelung zu kümmern habe. Entrümpelung klingt nach altem Gerümpel. In der Wohnung gab es aber nicht das, was man sich so unter altem Gerümpel vorstellt. Sie sah aus, als sei der Mieter mal eben Brötchen holen gegangen. Soll heißen: Sie war komplett eingerichtet und wirkte, nun ja, sehr bewohnt. So als könne der Bewohner jederzeit zur Tür hereinkommen. Ich fand das etwas unheimlich und sehr faszinierend, und bis heute frage ich mich, was aus dem Mieter dieser Wohnung – die inzwischen übrigens Toplage-Status haben dürfte – geworden ist. Ob er wohl jemals wieder gekommen ist und was sein Nachmieter dann gemacht hat. Ich wurde nicht seine Nachmieterin; warum, weiß ich nicht. War aber vielleicht besser so; ich wäre mit dem Spätheimkehrer-Vormieter sicher überfordert gewesen. Und hätte mich nicht getraut, seinen ganzen Kram loszuschlagen. Mit seiner Vergangenheit und meiner hoffnungsvollen Gegenwart wäre es in der Wohnung einfach zu voll geworden.

Und was ist mit der Zukunft? Die bringt Großstadtrauschen!