Über die Dörfer (Stadt Land Fluss 1)

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Land. Plattes Land. Nicht Städtchen, nicht Dorf, einfach Land. Ein Fluss, ein Deich, ein paar Höfe daran entlang wie an der sparsam aufgefädelten Perlenschnur. Vielleicht auch eher ein langes Stück Band mit ein paar Knoten als eine Perlenschnur. Den Nachbarhof konnte man sehen, aber nur im Winter, wenn kein Laub an den Bäumen war und nicht bei Nebel. Ansonsten konnte man allerdings sehr weit gucken. Zu Sylvester erfreuten wir uns an den Elbschiffern, die ihre alte Leuchtmunition verfeuerten. Die Elbe ist ca. 40 Kilometer weit weg.

Bei uns zuhause stand auf der Kommode in der Halle eine Sammelbüchse in Bootsform für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Genau so eine haben meine Schwester und ich neulich in der Ankerklause auf der Kottbusser Brücke entdeckt. Naja, sie steht da mitten auf dem Tresen, keine große Entdeckung also, aber wir hatten Tränen der Rührung in den Augen. Durch die hindurch blinzelnd wir dann allerdings feststellen mussten, dass das Ankerklausen-Boot gar keine echte Sammelbüchse war. Ich weiß auch nicht, wer in unser Sammelboot zuhause jemals was rein getan hat. Außer mir. Aber meine Beiträge werden den Schiffbrüchigen nicht viel Freude gemacht haben; im Laufe der Jahre dürften es ungefähr sieben Mark fünfundzwanzig in Pfennigen und Groschen gewesen sein. Da das Ding aber irgendwann ziemlich schwer war, nehme ich an, dass auch mein Vater sich so seines Kleingelds entledigt hat. Und manchmal kam ja auch Besuch. Nicht soviel wie in die Ankerklause, das wohl kaum. Aber dafür hat der typische Ankerklausenbesucher auch völlig anderes im Sinn als die Rettung Schiffbrüchiger. Es sei denn, man meint das im übertragenen Sinne.

Jedenfalls habe ich meine letzten Jahre auf dem Dorf nicht mehr ungetrübt genossen. Ja, es ist schön, an einem Fluss zu wohnen – es vermittelt einem eine recht entspannte Sicht der Dinge und ein tief verankertes Vertrauen, dass alles immer irgendwie weitergeht. Vor allem, wenn man so nah an der Küste wohnt, dass der Fluss Gezeiten hat. Das bedeutet: Er hat Hoch- und Niedrigwasser und er fließt hin und her. Von wegen, man kann im selben Fluss nur einmal baden. Das Sprichwort der Wahl bei uns war eher: Man sieht sich immer zweimal. Also ja, Fluss ist schön. Bäume sind schön, allerdings war der Bestand nach dem legendären Ulmensterben etwas dezimiert. Viehweiden sind nett (Bullenweiden außerdem Spannung verheißend, aber davon gab es nur sehr wenige). Schafe auf dem Deich sind nett. Viele Hamburger dachten, es handele sich bei dem Deich um einen Bahndamm. Eigentlich haben die ganz schön was verpasst, weil der Fluss und der Blick darüber so ziemlich das Beste an der ganzen Gegend waren. Soweit ich weiß, hat sie keiner jemals auf ihren Irrtum hingewiesen. Komisch auch, dass die Hamburger den Deich nicht als Deich erkannt haben, immerhin haben sie ja Deiche in unmittelbarer Nähe. Aber die in Finkenwerder sind viel größer und sehen irgendwie gerader aus, daher wohl die Verwechslung.

Trotzdem: Fluss und Deich und Kühe und Schafe reißen es doch nicht, wenn man langsam, aber letztlich doch unaufhaltsam die Pubertät durchschreitet. Zum nächsten Kino musste man 40 Minuten fahren. Dann gab es allerdings eins “mit Verzehr”, in dem hinten sogar geraucht werden durfte (kann ich trotzdem bis heute nicht, rauchen, das bringt mich in freundlichen Kifferrunden oft in Erklärungsnot ... ehrlich gesagt, interessiert es die Kiffer wahrscheinlich gar nicht, aber ich fühle mich unzulänglich und möchte meine Ablehnung wenigstens begründen).

Tanzen gehen war ein düsteres Kapitel. Es gab die obligatorischen Großraum-Diskos, das fing damals an, mit Lasershow und allen möglichen Zusatz-Bespaßungen. Keine ernsthaft zu erwägende Option. Und es gab zwei Läden, die manchmal lustig waren und meistens deprimierend. Und vor allem total weit voneinander entfernt, so dass man nicht mal eben in den nächsten gehen konnte, wenn man sich zuerst für den falschen entschieden hatte. Und vielleicht war der zweite ja noch schlimmer, und dann war man von A nach B gefahren, für nichts und wieder nichts. Abgesehen davon brauchte man einen Fahrer, der durfte nichts trinken. Meine Schwester ist einmal in einer fröhlichen Fahrgemeinschaft von der Disko nach Hause gefahren und alle waren sehr stolz auf den Fahrer, der aber auch nicht ein einziges Bier getrunken hatte. Wie es der Zufall wollte, wurden sie von der Polizei angehalten. Als der Polizist – wohlgemerkt, einer der beiden Polizisten des Landkreises – seinen Kopf gen Wagenfenster neigte, schallte es ihm fünfstimmig und reichlich alkoholgeschwängert entgegen: “Pusten! Pusten! Pusten!” Der Polizist zeigte sich relativ unbeeindruckt und schnarrte lediglich: “Fünf Leute nicht angeschnallt, macht 200 Mark”. So kann man auch Stimmung töten.

Was wird als Nächstes passieren? Weiter geht’s in Teil 2: Von Norden nach Osten