Kreativität und Zeit(verknappung)

Zwischen Zeit und Kreativität besteht zumindest für mich oft ein sehr diffiziler Zusammenhang. Zuviel Zeit ist schlecht - hauptsächlich aus zwei Gründen:
1. Zuviel Zeit heißt, dass ich sehr viel Zeit habe und eigentlich auch sehr viele andere Sachen machen könnte. Will ich wirklich jetzt, wo ich endlich (!) mal viel Zeit habe, anfangen, z.B. meinen Roman zu schreiben?
2. Zuviel Zeit heißt, ich könnte sehr viel schaffen. Erschreckend! Allein die Vorstellung, nach einem ganzen freien Tag, den ich nur diesem einen Projekt widmen könnte, nur einen jämmerlichen, klitzekleinen Anfang geschafft zu haben, von dem ich noch nicht mal so richtig überzeugt bin. Ein ganzer Tag Zeit - der Druck kann schier unerträglich sein.

Gar keine Zeit ist auch schlecht.  Solange man sich irgendwie im Zeit-Raum-Kontinuum befindet, braucht man für Aktivitäten gleichwelcher Art wenigstens geringe Mengen davon. Das Gute ist, dass man eigentlich so gut wie nie wirklich gar keine Zeit hat. Es gibt immer irgendwo kleine, ungenutzte Zeittaschen, in denen man ungehindert und völlig druckfrei (denn was soll man innerhalb von nur 15 Minuten auf dem Bahnhof schon Tolles bewerkstelligen?!) kreativ sein kann. Diese Zeitblasen sind wie Zeit-außerhalb-der-Zeit, sie “gelten” nicht und stehen daher zur freien, unzensierten Verfügung. Meine persönlichen Favoriten sind:

1. Überbrückungszeiten, z.B. zwischen Arzt- und Kundentermin, wenn es sich nicht lohnt, ins Büro zurück zu fahren
2. Wartezeiten, z.B. am Bahnhof oder während man im Cafe auf jemanden wartet
3. Mittagspausen, Kaffeepausen (auf keinen Fall am Arbeitsplatz)
4. 10 Minuten, bevor man dringend irgendwohin aufbrechen muss
5. Kurz vorm Einschlafen (das dann allerdings auch kurze Zeit später stattfinden sollte)

Es kommt sehr auf den individuellen Tagesablauf an, aber ich denke, dass wirklich jeder irgendwo so Zeiten hat, die sonst mit Zeitunglesen oder in-die-Luft-Starren verbracht werden - was auch nett sein kann; dies hier ist ja nur eine mögliche Abwechslung.

In diesen Zeiten also zückt man kurzerhand (weil mehr Zeit bleibt nicht) Zettel und Stift und schreibt irgendwelche Gedanken zum fraglichen Thema auf. Einfälle zur Romanstruktur, ein paar mögliche (und vielleicht auch nur sehr stullige) Headline-Ideen, wilde Assoziationen zum zu betextenden Produkt, Fragen zum Briefing oder was auch immer. Die künstlerisch weniger Herausgeforderten können natürlich auch zeichnen, skizzieren, malen, was man so macht als grafisch begabter Mensch. Und dann ist die Zeit auch schon um, der Kaffee ausgetrunken, der Freund eingetroffen, der Zug abfahrbereit und das Leben geht weiter.

Texte von Textferry.de

Die beiden Hauptvorteile dieser Methode:

1. Der “innere Kritiker” wird ausgeschaltet, denn eigentlich arbeite ich ja gerade gar nicht (ich hasse den Begriff “innerer Kritiker” übrigens genauso wie “inneres Kind” und den ganzen Rest der unverdauten inneren Bevölkerung, aber was soll’s)
2. Das Hirn hat sich kurz mal eben mit dem Projekt befasst und wird, auch wenn es nun wichtige andere Aufgaben zu erledigen hat (Schlafen, Fragen zum Gesundheitszustand beantworten, mich sicher durch den Verkehr navigieren etc.), nicht so leicht locker lassen. In irgendeinem nicht genau ermittelten, aber sicher sehr hohen Prozentsatz der Fälle produziert es während der folgenden paar Stunden mindestens ein bis zwei wirklich gute Ideen zum Thema.

Texte von Textferry.de

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