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Kreativität als Industrie

Werber und alle, die irgendwie dazu gehören, bezeichnen sich gerne, oft, nachdrücklich und laut als “kreativ”. Das ist sonderbar, wenn man bedenkt, dass Maler (die mit der Kunst, nicht die Anstreicher), Schriftsteller, Komponisten, Bildhauer, Choreographen und sonstige Künstler eher selten über ihre eigene Kreativität schwadronieren. Man stelle sich nur eine Kunstausstellung vor, die als “Der Gipfel der Kreativität” angekündigt wird - das war der Slogan der ADC-Ausstellung, und ich bin todsicher, dass der nicht ironisch gemeint war.

Was bringt “die Kreativen” dazu, sich so zwanghaft als “Kreative” darzustellen? Klar, Kreativität ist was Feines, und wer kreativ ist, ist interessanter als der, der es nicht ist. Aber eigentlich sind doch gerade Künstler besonders kreativ, und die verzichten auf das Label. Wahrscheinlich deshalb, weil sie als Künstler idealerweise tatsächlich etwas Eigenes schaffen. Dazu muss man kreativ sein, aber das ist nur die Grundvoraussetzung. Die anderen, die explizit Kreativen, denken sich zwar auch alles Mögliche aus, texten, designen und entwickeln, aber eben nichts Eigenes. Da kann man noch so viel vom Herzblut erzählen, das in jedem Projekt steckt. Alles, was man in der Werbung macht, dient dazu, irgendwas zu verkaufen. Wenn es dabei um einen Kern, eine Botschaft oder Identität geht, dann die der Marke. Künstler wollen meistens auch ihr Zeug verkaufen und viele müssen sich nach den Markterfordernissen richten, aber ich wage mal zu behaupten, dass sie trotzdem auf einer ganz anderen Ebene des Selbstausdrucks operieren. Und deshalb müssen sie sich auch nicht so verzweifelt daran festklammern, dass sie kreativ sind. Denn was heißt das schon?

Julia Ritter in • ArbeitKreativitätMedienWerbung am 04. Juni 2008
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  1. Oh, das ist eine interessante Betrachtung. “Die Kreativen” sind für mich auch eine schiefe Bezeichnung, dieser Focus ist irgendwie unglaublich dick aufgetragen, auch wenn Auftragskunst nicht ohne Kreativsein geht (- obwohl ...? ;-)).

    In der Agentur sind die Kreativen(oder gar “die Kreation”) als Sammelbegriff allerdings praktisch nützlich, wenn man einfach über die Bereiche Text und Design sprechen will. Außerhalb der Agentur könnte man Text und Design vielleicht noch als “Werber” ansprechen - aber das ist ja noch schlimmer!
    Ein neuer Begriff müsste her ...

    Wie das mit den Künstlern so ist und ihrer künstlerischen Freiheit, das vermag ich nicht so ganz zu beurteilen, aber art pour l’art ist auch nicht so meins ...

    Tina  on  06/04  at  10:22 AM
  2. Stimmt, als Oberbegriff für die, die sozusagen produzieren, ist “Kreative” (oder “Kreation”) schon geeignet. Und ja, wenn man dabei komplett unkreativ ist, kommt man vermutlich nicht weit und es wird für alle Beteiligten schrecklich und langweilig (und erstmal für die Unbeteiligten!).

    Ich finde es nur übertrieben, wie in den “Kreativbranchen” die Kreativität, die ja eigentlich “nur” eine Grundvoraussetzung ist, immer so in den Mittelpunkt gestellt wird. Und ich glaube, dass Kreative sich deswegen so mit dem “Kreativsein” identifizieren, weil sie eben selten etwas schaffen, das ihre Identität auf andere Weise ausdrückt. Sie (wir) möchten gerne kreativ sein und sind es auch bis zu einem bestimmten Grad, aber das, was wir machen, drückt nicht gerade unser Innerstes aus (kann man jedenfalls nur hoffen).

    Kunst als Selbstausdruck ist natürlich eine sehr romantische und hoffnungslos überholte Vorstellung, aber zu der stehe ich.

    Julia  on  06/04  at  03:31 PM
  3. Och, ich würde schon auch meinen, dass Künstler eher aus einer Art Bedürfnis her Kunst schaffen und erst in zweiter Linie kommerziellen Motiven folgen - jedenfalls müssten sie für mich als potenzielle Kunstkäuferin dann letzteres am besten verschleiern. So romantisch wäre ich dann auch. ;-)

    Du meinst, die Kreativität ist in den genannten Berufen vielleicht gar nicht das Besondere, das Bezeichnende? Und dass es nicht Not tut, das Kreative so über Gebühr für die eigene berufliche Identität zu strapazieren? Hm, mag sein. Von diesem aufgesetzten Kreativhabitus halte ich jedenfalls auch nicht viel - auch wenn ich unseren Job auch wieder nicht als beliebig erlernbares Handwerk empfinde. Bliebe noch die Möglichkeit der sprachlichen Verortung als “Werbeschaffende” ... :-)

    Tina  on  06/04  at  04:36 PM
  4. Ach, ich finde schon, dass Texten erlernbar ist. Designen wahrscheinlich auch, wenn auch nicht von mir. Es ist wohl wie mit anderen Handwerken auch: Das Talent zeigt sich auch in der Motivation, den Beruf zu erlernen und lange genug dabei zu bleiben.

    Julia  on  06/04  at  11:43 PM
  5. Ja, bei einer Mischform, oder einer Disposition (einem Talent) plus Erlernen, kann ich dir in etwa zustimmen. ;-)

    Aber es gibt auch Menschen ohne Sprachgefühl oder ohne Sinn für Ästhetik ...

    Tina  on  06/05  at  10:57 AM
  6. Hier noch ein Hinweis darauf, dass Kunst etwas anderes ist (via TT):

    http://tinyurl.com/5w4m23

    :-)))

    Tina  on  06/05  at  12:02 PM
  7. Stimmt, die gibt es. Aber haben die dann den Drang, Texter oder Designer zu werden? Die werden doch lieber Auftraggeber, hehehe. (Liebe Auftraggeber, das war natürlich ein Scherz!)

    Julia  on  06/05  at  12:17 PM
  8. Das mit dem Drang bleibt wohl als Künstler geborenen Menschen vorbehalten, ich würde wohl zumindest nicht verzweifeln, wenn ich keinen textlichen Output mehr liefern könnte/müsste.

    Und Auftraggeber braucht es ja auch viel mehr als Texter!

    Tina  on  06/05  at  12:31 PM
  9. Hui. Ein hoher Anspruch gut und schön, aber einer ganzen Branche die kreative Eigenleistung abzusprechen? ;-) Handwerkliches Können schließt doch Kreativität nicht aus?

    Kreativität und Kunst sind zweierlei. Kreativität + Kommerz = Werbung. Ist doch nicht neu? Werbetexte sind Verkaufstexte, die durch eine kreative Einzelleistung entstehen, basta. Das sieht (zum Glück) auch die KSK so.

    Kreativität ist doch kein unerreichbarer Sockel - typisch deutsche Sichtweise übrigens. Die Kreativität wird den Kids hier schon früh madig gemacht: Das sei angeblich nur ein Job für wahre Künstler? Pah! Diesen Selbstzweifel, diese Selbstzerfleischung betreibt man hierzulande seit Goethe - gehört wohl dazu, beim Volk der Dichter und Denker und neuerdings auch der genialen Kunstmaler. Art (Schöpfung) und Creativity (Schöpfungskraft) sind zweierlei, ich bleib dabei.

    Sich mit Kreativität wichtigtuen - ein Witz. Das ist dümmlich und funktioniert doch nur branchenimmanent. Versuch mal, dich in einem Bürojob mit Kreativität zu brüsten ...

    Was den Gipfel-Titel betriff: Nun ja, wen wunderts. Bescheidenheit war noch nie die Domäne der Werber. Das ist der Gipfel :-)  War wohl nicht so dolle bei der Veranstaltung?

    ina  on  06/10  at  09:18 AM
  10. Es ging mir nicht darum, Werbern (oder gar unschuldigen Kindern!) die Kreativität abzusprechen. Mir ist bloß die Diskrepanz aufgefallen: Hier die “Kreativbranchler”, die dauern darauf hinweisen, dass ihre Branchen und ihr Tun kreativ sind, da die Künstler, die das eher nicht machen.

    Und da habe ich mal vor mich hin pop-psychologisiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich die Kreativindustriellen so an der Kreativität festbeißen, weil ihr Tun über das Kreativ-Sein an sich hinaus keine großen Möglichkeiten bietet, ihre eigenen Ideen und Gefühle zum Leben und zur Welt auszudrücken.

    Das hat mit Selbstzerfleischung nichts zu tun, auch nicht mit einer Überhöhung des Künstlertums.

    Ich war nur bei der Ausstellung zum “Gipfel der Kreativität”. Die war interessant.

    Julia  on  06/10  at  03:36 PM
  11. okeh :) verstehe. Wobei nicht alle Künstler so zurückhaltend sind mit ihrer Pose :-)))

    Ich gebe allerdings zu bedenken - wo wär die Werbung ohne die Kreativen. Und die guten Kreativen, die denken sich durchaus Eigenes aus ... weil Kreativität = Schaffenskraft. Ob sie dabei dann wie Tarzan auf ihre Brust trommeln und brüllen: Oh Gott bin ich kreativ (autsch) - das ist vermutlich eher eine Charakterfrage *gg

    Wer hat schon einen Job (kein Hobby), in dem sich die “eigenen Ideen und Gefühle zum Leben und zur Welt” ausdrücken lassen ...

    ina  on  06/11  at  12:08 PM
  12. Hm. Ich glaube, wir Texter sind vielleicht einfach extrovertierter als viele Künstler ... und vor allem arbeiten wir in einer Branche, die sich permanent darstellen muss, ja, deren Zweck die Darstellung, die Be-Werbung ist. Und das färbt ab, und deshalb tragen wir gerne das “Kreativ”-Schild vor uns her.

    Denn ich denke schon, dass Werbung hoch-kreativ ist. Oder sein kann. Wenn ich mir einfach mal Tinas Website angucke, dann finde ich die unglaublich kreativ, und es gibt viele andere Beispiele mehr. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele - aber gibt es das nicht auch bei Künstlern?

    Susi  on  08/23  at  12:59 AM
  13. Oh, ich als Kreativ-Beispiel? :-) Die Seite ist vor allem bunt und anders, aber es stimmt wohl, dass da einige Ideen drinstecken und es sie so wohl nicht nochmal gibt. Die Kreativität, die wir nutzen, um immer wieder etwas Neues zu schaffen, ist wohl vor allem Gebrauchskreativität, konzeptionell so untermauert, dass sie, mal mehr, mal weniger subtil, zielgerichtet “wirkt”. Dadurch unterscheidet sie sich natürlich schon ordentlich von art pour l’art ...

    Nur mal auf die Schnelle, ich muss weg. :-)

    Tina  on  08/23  at  11:31 AM
  14. Oh, natürlich ist Werbung oft sehr kreativ, und Tinas Seite ist tatsächlich ein gutes Beispiel dafür. Ich wollte “den Kreativen” ihre Kreativität auch gar nicht absprechen. Mir ging es eher darum, dass von der Kreativbranche ganz allgemein die eigene Kreativität immer so in den Mittelpunkt gerückt wird. Und in anderen Bereichen, die auch viel Kreativität erfordern, eben nicht. Das ist weniger ein Gegensatz zwischen Auftragsarbeit und “art for art’s sake” (kann kein Französisch) als vielmehr zwischen Selbstausdruck und Selbstdarstellung, wenn man fies ist. Tinas Seite dagegen ist eine gute Mischung aus beidem, die ist ja schließlich dazu da, sie darzustellen - und sie (also Tina) drückt sich (wenn ich das richtig interpretiere) auch sehr authentisch darin aus.

    Julia  on  08/28  at  11:28 AM
  15. :-)

    Es war wahrscheinlich so, dass einige frühe “Werber” (auch ein in meinen Ohren sehr unschönes Wort) sich auf die Kreativität als kleinsten gemeinsamen Nenner und als schicke Unique Selling Proposition geeinigt haben und das dann über Generationen unhinterfragt beibehalten wurde ...

    Es kann aber auch nur ein Mangel an begrifflichen Alternativen gewesen sein, der “die Kreativen” auf den Weg gebracht hat. “Werber” und “Werbetreibende” sind’s doch irgendwie auch nicht?

    Wirklich schwierig, eine treffende Bezeichnung zu finden, die assoziativ weder mit “ständig mit etwaigen Megacrazykkreativpfründen wuchern und dabei auf ADC-Empfängen schwarzen Rolli tragen und Koks verteilen” noch mit “eigentlich nix besonders Kreatives schreiben oder malen” verbunden wird. Ich sehe mich da jedenfalls ziemlich genau dazwischen.

    Und ich würde niemals ohne Selbstironie zu einem Statement mit den Worten “Ich als Kreative ...” anheben. :-)

    PS: Prima, wenn du meine Präsentation authentisch findest - so soll sie auch sein und ich glaube, so ist sie auch. Klar, sie ist eher Eigenwerbung denn Dokumentation, aber die Diskrepanz zwischen beidem ist hoffentlich nicht allzu arg ... ;-)

    Tina  on  08/28  at  02:57 PM
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