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Hundstage (Stadt Land Fluss 4)

Manchmal fahre ich aufs Land und besuche meine Familie. Das ist meistens sehr nett. Meine Eltern waren während meiner Kindheit und Jugend eher konservativ in ihrem Erziehungsstil. Nun, da ihre leiblichen Kinder ausgezogen sind, haben sie ihre Liebe zur antiautoritären Pädagogik entdeckt, die sie allerdings weniger an ihren Enkeln ausleben als vielmehr an ihren diversen Hunden.

Ich glaube nicht, dass Hunde mit enthierarchisierten Führungsstrukturen viel anfangen können. Die Hunde meiner Eltern machen jedenfalls nicht den Eindruck. Orientierungslos und nach Anleitung heischend zernagen sie jahrhundertealte Türgriffe und Stuhlbeine, pinkeln auf Sofakissen und benehmen sich ganz allgemein daneben. Natürlich beißen sie auch die Kinder und Kindeskinder meiner Eltern – dieses von uns sehr unwillkommene Verhalten wird dann umgehend damit entschuldigt, dass die armen Hunde sich zurückgesetzt fühlen und überhaupt wir (die menschlichen Nachkommen) sicher irgendetwas falsch gemacht hätten. Ich bin immer wieder erstaunt, zu welchem Einfühlungsvermögen meine Eltern plötzlich fähig sind. Sie wissen, dass die Hunde leiden, wenn sie nicht wie gewohnt an den familiären Mahlzeiten teilnehmen dürfen, und so liegen sie – die Hunde – denn auf und unter unseren Füßen, springen zwischendurch auf, um ohne jeden erkennbaren Anlass zu bellen und schwängern vor allem die Luft mit den Nebenprodukten ihrer sensiblen Verdauung. Letzteres der Hauptgrund, weshalb wir immer wieder versuchen, sie unauffällig nach draußen zu befördern. “Unauffällig” ist in diesem Zusammenhang leider keine Option.

Meine Eltern sind außerdem der festen Überzeugung, die Hunde müssten jeden Morgen spätestens um sechs Uhr in den Garten, um sich zu erleichtern. Als ich jedoch einmal Haus und Tiere hütete, weil meine Eltern verreist waren, wachte ich gegen zehn auf, neben bzw. auf mir zwei sehr verschlafene und ob meiner plötzlichen Unruhe nahezu empörte Hunde. Ich glaube, sie machen den morgendlichen Zampano nur ihren rechtmäßigen Besitzern zuliebe und waren froh, endlich mal ausschlafen zu können.

Meine Eltern sind immer sehr beglückt, wenn ich sie besuche. Ich auch. Ich werde verwöhnt, wie es sich gehört, gehe am Fluss spazieren (ohne Hunde ein beschauliches, entspannendes Erlebnis), genieße es, mal wieder den Horizont zu sehen, freue mich, morgens nichts als Vogelgezwitscher zu hören und kriege nach drei Tagen einen Rappel. Dann fahre ich zurück nach Berlin und denke: Endlich zuhause.

Julia Ritter in • BerlinGeschichten am 01. März 2008
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  1. Hallo liebe Julia,
    schön Dich endlich wiedergefunden zu haben und schöne Texte, die Du da so schreibst!
    Erinnerst Du Dich an mich? Früher hieß ich Stock und irgendwie haben wir uns total aus den Augen verloren. Ich wüßte gerne wie es Dir so geht, ob Du immernoch mit Deinem Saxophonlehrer zusammen bist, wieviele Kinder Du hast, wie zufrieden Du bist…...

    Wenn Du magst - ich würde mich sehr freuen.
    Liebe Grüße
    Marion

    Marion Küppers  on  01/19  at  02:21 PM
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