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Großstadtrauschen (Stadt Land Fluss 3)

Inzwischen lebe ich viele Jahre in Kreuzberg. Das ist nett, weil ich nun die Anonymität der Großstadt und die dörfliche Gemeinschaft habe. Und es ist lustig, wie die Kreuzberger immer wieder nachwachsen (oder –ziehen). Es gibt immer mal wieder neue Altrocker, neue Punks, neue bewusste, lebensbejahende Gutmenschen und neue Freaks. Und alle anderen.

Unter mir zum Beispiel hat ein lustiger Italiener sein Restaurant, der extrem gut kochen kann und extrem wenig Rücksicht auf seine Nachbarn nimmt. Gegen 23:44 findet er oft, dass ein Restaurant zwar ganz schön ist, ein Club zu so später Stunde aber auch eine feine Sache, und dreht die Musik auf. Sein Musikgeschmack ist zum Glück über fast jede Kritik erhaben, aber nicht jeder Song hört sich auch durch die Wand noch gut an. Wenn man nur die Bässe hört, die dafür auch durch Ohropax, ist das nicht schön. Wenn man jedes Wort vom Text versteht aber auch nicht. Aus Gründen, die mir selbst nicht ganz einleuchten, bin ich trotzdem selten sauer auf den Italiener und seine ebenfalls italienische Crew – an ihrer Nationalität liegt es nicht, da habe ich keine besonderen Vorlieben, höchstens vielleicht, wenn es nette Iren wären oder eventuell Isländer – fängt auch beides mit “I” an.
Dafür verspüre ich manchmal reinen, blanken Hass auf die Gäste. Vor allem, wenn sie in lauen Sommernächten draußen in ihre Geburtstage reinfeiern und jede, aber auch jede Nacht, die der Herr werden ließ, “Happy Birthday” singen. Ich finde, es sollte jemand einen neuen Geburtstagssong komponieren und damit auf mindestens fünf Generationen schweinereich werden, so wie Hugh Grants Vater bei “About a Boy”. Ich verstehe überhaupt nicht, warum Happy Birthday so unangefochten seit Jahrzehnten auf Platz Eins der Geburtstags-Charts festsitzt. Vielleicht liegt es an Marilyn Monroe, jedenfalls ist es ist die Bibel unter den Geburtstags-Songs.

So sind meine Nächte akustisch eingerahmt vom Sound des Großstadt-Kiezes, denn morgens ab 6 kommt der Aldi-Laster. Der Laster an sich ist nicht laut, weil er, im Gegensatz zum zwei Stunden später eintreffenden Kühllaster, den Motor nicht laufen lässt. Aber die Aldi-Ware wird auf ungefederten und nicht gummibereiften Palettenwagen über ein kleines, aber ausschlaggebendes Stück Kopfsteinpflaster gerollt. Und das ist laut. Zu bestimmten Jahreszeiten rotten sich ab 5:30 außerdem mittlere Kleingruppen von nicht deutschsprachigen Männern zusammen, die nach ca. halbstündiger Unterhaltung mit einem Pritschenwagen abdüsen. Ein-Euro-Jobber? Albanische Schwarzarbeiter auf dem Weg nach Polen? Ich weiß es nicht, ich verstehe sie nicht, obwohl, akustisch ja schon.

Wird jemals wieder Ruhe einkehren? Vielleicht an den Hundstagen?

Julia Ritter in • BerlinGeschichten am 01. März 2008
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